Sie arbeiten, beantworten Nachrichten, kaufen ein und irgendwo im Hintergrund hat sich etwas verändert. Nicht unbedingt, weil Sie es nicht bemerken. Für viele Menschen ist es schwieriger, das Erlebte als psychische Belastung zu benennen, als es weiterhin zu tragen.
Die Forschung beschreibt genau diese Schwelle. Eine Studie von 2017 mit 207 Menschen mit unbehandelten psychischen Schwierigkeiten untersuchte, wie persönliche Stigmatisierung die Wahrscheinlichkeit verringern kann, sich selbst als psychisch belastet zu erkennen. Nicht immer hält fehlender Leidensdruck Menschen von Hilfe fern, sondern manchmal der fehlende Moment, in dem sie sagen können: Was ich erlebe, ist real und verdient Aufmerksamkeit.
Eine spätere prospektive Studie begleitete 188 unbehandelte Menschen, überwiegend mit depressiven Symptomen, über sechs Monate. Die Selbstidentifikation hing mit dem wahrgenommenen Hilfebedarf zusammen, dieser wiederum mit der Absicht, eine hausärztliche oder psychologische Fachperson zu kontaktieren.
Stigma kann diesem ersten Schritt auf zwei Wegen entgegenwirken. Es kann das Selbstwertgefühl mindern und Angst vor sozialen Kosten in Beziehungen, Chancen oder Zugehörigkeit erzeugen. Unter diesen Bedingungen kann Schweigen vorübergehend leichter erscheinen.
Für ein erstes Gespräch brauchen Sie keine fertige Diagnose. Es genügt, mit dem zu kommen, was Sie fühlen.
Wissenschaftliche Quellen
- Corrigan, P. W. (2004). How stigma interferes with mental health care. American Psychologist, 59(7), 614–625. DOI ↗
- Schomerus, G., Stolzenburg, S., Freitag, S., et al. (2019). Stigma as a barrier to recognizing personal mental illness and seeking help. European Archives of Psychiatry and Clinical Neuroscience, 269, 469–479. DOI ↗
- Stolzenburg, S., Freitag, S., Evans-Lacko, S., et al. (2017). The stigma of mental illness as a barrier to self-labeling as having a mental illness. Journal of Nervous and Mental Disease, 205(12), 903–909. DOI ↗
